Vielstimmigkeit und Third Space


Allgemein, Kulturvermittlung, Methoden, Transformation / Freitag, Oktober 7th, 2022

Es geht in meinem heutigen Beitrag um Kulturelle Teilhabe, um das vielgerühmte Konzept des Dritten Ortes und um die Frage nach partizipativen Formaten. Hier bin ich selber immer auf der Suche nach gelungenen Beispielen. Umso mehr hat es mich gefreut, als mich Dr. Nicole Deufel eingeladen hat, an einem spannenden Projekt mitzuwirken, das sie als Leiterin der vhs Aalen mit dem Limesmuseum gestartet hat. Am Anfang stand die Frage danach, wie man die Methodik des Dritten Ortes auf ein neues Vermittlungsformat anwenden kann. Erklärtes Ziel dabei war, die vielfältige Stadtgesellschaft Aalens mit der römischen Geschichte und ihren Spuren in der (Stadt-)Landschaft in Berührung zu bringen. Was passiert, wenn man diese Geschichte als Ausgangspunkt nimmt zu einem Austausch über Aalener Identität(en) und Lebenswelt(en) in der Gegenwart? Mit welchen Anlässen bzw. Formaten ließe sich so etwas herstellen? Mit diesen Überlegungen starteten wir in das Projekt.

Gemeinsam mit Adam Ditchburn und Lamia Fetzer (Aalenerin, Mitglied im Integrationsausschuss der Stadt, Kunstvermittlerin) durfte ich ein Expert*innen-Team bilden, das sich mit der Frage nach praktischen Umsetzungen für die Theorien auseinandersetzte. Die Zusammenarbeit mit Lamia und Adam war unglaublich inspirierend. Dank digitaler Möglichkeiten konnten wir uns über die Distanz (Rheinland, Baden-Württemberg und England) regelmäßig zum Brainstormen treffen. Aber auch zwei intensive Termin in Aalen (inklusive eines Methodenworkshops im Limesmuseum Aalen) brachten spannende Impulse.

Herausgekommen ist die Wachtzeit. Eine Idee, die vor Ort entstanden ist, die aber über die Grenzen Aalens hinauswirken kann und Aalen mit der ganzen Welt verbindet. Und alle Beteiligten überall dorthin bringt, wo man eine Verbindung mit dem römischen Erbe herstellen kann. Ausgangspunkt ist einmal eine analoge und ortsbezogene Aktion, die an verschiedenen Orten in und um Aalen durchgeführt wird. Menschen können zu diesen Orten gehen und über die Verbindung berichten, die sie dort aufgenommen haben. Zur Geschichte, zu sich, zu dem Moment. Ein Achtsamkeitstraining der besonderen Art.

Wir haben aber sofort auch daran gedacht, diese Verbindungen in den sozialen Netzwerken herzustellen. Und sammeln in wöchentlichen Challenges Einreichungen, die mit dem römischen Erbe zu tun haben. Wer hier ein bisschen in der eigenen Umgebung nachforscht, der findet mit Sicherheit auch entsprechende Orte oder Gegenstände. Und kann uns seine oder ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen.

Wachtzeit hat das Potenzial, Menschen überall zu erreichen. Wir versuchen, etwas Lokales zu nehmen und die internationalen Verbindungen dazu zu finden. Es geht auch nicht um ein weiteres Kulturerbe-Projekt, das den Menschen etwas erzählt oder ein bestimmtes Objekt zeigt, sondern um Menschen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn wir mit einem Kulturerbeprojekt Grenzen überschreiten können, ohne dass ein physischer Ort oder ein Treffpunkt erforderlich ist, sind wir meiner Meinung nach Teil von etwas Innovativem und Aufregendem, und ich bin froh, dass ich daran beteiligt bin.

Adam Ditchburn-Schulz

Adam hat mit seiner kreativen Art unsere Sicht auf das Kulturerbe neu definiert und so sahen wir den Limes nicht nur als Grenzwall. Sondern haben ihn in eine lebendige Verbindungslinie umgedeutet. Derzeit ist Adam als Kurator der Wachzeit auch dafür verantwortlich, dass die Social Media Challenges unter #wachtzeit befeuert werden. Wie großartig ist es, dass wir mit den sozialen Netzwerken in Nullkommanichts Verbindung zu ganz entfernten Orten römischen Erbes aufnehmen können.

Lamia hat gezeigt, welche Skills es heute für partizipative Projekte braucht: jemanden, der Menschen begeistern kann, die Hemmschwellen abbauen hilft und den Kontakt ganz selbstverständlich herstellen kann. Meine Überzeugung, dass partizipative Ansätze nur über gute Mittler*innen funktionieren wurde durch ihr Tun einmal mehr bestätigt. Wie gerne wäre ich bei ihrem tunesischen Abend in der vhs Aalen dabei gewesen.

Mit der Leiterin der vhs Aalen Dr. Nicole Deufel habe ich hier noch einmal über die Hintergründe zum Projekt sprechen können. Danke, liebe Nicole, dass du dir die Zeit genommen hast!

Team „Wachtzeit“ (von links nach rechts): Lamia Fetzer, Claudia Hinsen, vhs Aalen; Ermelinde Wudy, Limesmuseum Aalen, Anke von Heyl, Dr. Nicole Deufel, vhs Aalen, Adam Ditchburn-Schulz

Dritter Ort bzw. Third Space

Das Projekt „Wachtzeit“ ist vom Konzept des Third Space inspiriert. Es wird momentan viel über die Dritten Ort gesprochen. Was genau hat es mit dem Third Space auf sich und weswegen habt ihr euch bei eurem Kooperationsprojekt darauf bezogen?

An der vhs Aalen verstehen wir den Dritten Ort als einen Aspekt des „Neuen Lernens“. Ein Dritter Ort zu werden ist deshalb eines unserer strategischen Ziele. Dabei sehen wir den Dritten Ort aber nicht in erster Linie als materielle Infrastruktur, wie Ray Oldenburg das getan hat. Wir sind vielmehr von Homi K. Bhabha beeinflusst, der von aktiven Handlungen im „Third Space“ gesprochen hat, durch die – vereinfacht gesagt – Machtstrukturen und Denkmuster aufgebrochen werden sollen, um einen echten gleichberechtigten Austausch zu ermöglichen. Durch diesen Austausch soll auch gemeinsam etwas Neues geschaffen werden, womit wir wieder beim Dritten Ort als Methodik für gemeinsames Lernen und Kulturschaffen sind. Das ist auch der Grund, weshalb wir im Projekt „Wachtzeit“ damit arbeiten wollten. Es ist ein Experiment, mit dem auch wir gemeinsam mit den beteiligten Expert:innen und allen Teilnehmenden lernen möchten: über den Dritten Ort, aber natürlich auch über Aalen, Kulturerbe und verbindende Identität(en).

Die „Wachtzeit“ findet in Aalen statt und bringt unterschiedliche Akteur*innen zusammen. Was sind deiner Meinung nach gute Bedingungen für eine gewinnbringende Kollaboration?

Als wir das Projekt konzipiert haben, war uns ganz wichtig, unterschiedliche Expertisen und damit unterschiedliche Blickwinkel miteinander ins Gespräch zu bringen. Die gemeinsame Grundlage war dabei die Erkenntnis, dass sowohl die vhs Aalen als auch das Limesmuseum Aalen als Projektträger zwar für „alle“ Aalener:innen und darüber hinaus relevant sein wollen, wir aber jeweils ein Publikumsprofil haben, das unsere Stadt und Gesellschaft in ihrer Vielfalt bei weitem nicht wiederspiegelt. Also wollten wir mit neuen Herangehensweisen experimentieren, die nicht nur ein neues Angebot darstellen, sondern vielmehr einen ko-produktiven Austausch mit Menschen anregen, die mit uns bisher vielleicht wenig Kontakt hatten. Über diese Zielsetzung gab es in unserer Projektgruppe große Einigkeit, genauso wie zur Philosophie der Öffnung unserer Häuser und dem Abgeben von Macht. Diese grundsätzliche Übereinstimmung in Haltung und Ziel bietet aus meiner Sicht die besten Bedingungen für eine gute Zusammenarbeit. Die unterschiedlichen Blickwinkel aller Beteiligten sichern dabei gleichzeitig, dass wir vermeintliche Wahrheiten infrage stellen und uns gegenseitig anspornen, unsere Komfortzone zu verlassen. Zuhören zu können und konstruktiv auf neue Ideen einzugehen, das war aus meiner Sicht ein wichtiger Aspekt in der guten Zusammenarbeit.

Bei der „Wachtzeit“ spielen unterschiedliche und auch individuelle Zugänge eine wesentliche Rolle. Das Projekt ist ein Experiment, das das theoretische Konzept des Third Space auf den realen Nutzen überprüfen soll. Wie gehen deine Projektpartner und du mit den Unwägbarkeiten der Ergebnisse um? Was würdest du dir in diesem Zusammenhang zukünftig wünschen?

Ich muss hier wirklich einen großen Dank an das Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg aussprechen, deren flexible und unkomplizierte Projektförderung uns nicht in ein starres Korsett von quantitativen Zielvorgaben und Erfolgskriterien gezwängt hat. In einem Experiment wie dem unseren, in dem wir selbst ja weiter lernen möchten, muss man akzeptieren, dass man erst im Laufe des Projektes erkennt, was genau das alles bedeutet und wie es einzuordnen ist. Dinge entwickeln sich, die man am Anfang noch überhaupt nicht vorhersehen konnte. Das ist auch für uns als Einrichtungen – vhs und Museum – teilweise schwer auszuhalten, denn noch sind wir geleitet von bestehenden Strukturen, die in unserem Fall auf Unterrichtseinheiten und Teilnehmendenzahlen beruhen, die wir wiederum für die Abrechnung der Landesförderung benötigen. Hier würde ich mir auch von anderen beteiligten Förderern mehr Flexibilität wünschen. Wenn wir echte Veränderung wollen, dann müssen wir auch ermöglichen, dass Strukturen sich ändern und Förderung z.B. nach anderen Kriterien gewährt wird als bisher. Sonst bleiben unsere Bemühungen notgedrungen oberflächlich.

Du bist als Leiterin der Volkshochschule sehr im Thema Kulturelle Teilhabe dran. Muss es in diesem Zusammenhang auch eine Transformation der Kulturellen Bildung geben? Wie siehst du die Rolle der VHS allgemein im gesellschaftlichen Wandel?

Die Volkshochschulen wurzeln ja in der Demokratiebewegung. Wir sehen es als unsere zentrale Aufgabe an, den Menschen die Kompetenzen an die Hand zu geben, die sie benötigen, um gleichberechtigt unsere Gesellschaft mitgestalten zu können. An der vhs Aalen erachten wir den Dritten Ort als eine wichtige Methodik dafür. Unsere Kursleitungen unterrichten schon immer mit guter Didaktik, dialogisch und mit großer inhaltlicher Expertise. Aber das reicht mittlerweile nicht mehr aus. Die Welt hat sich verändert, ist vielfältiger und selbstbewusster geworden. Menschen haben viele Möglichkeiten, nach Wissen und Lösungen zu suchen. Sie erwarten, dabei mit ihren Erfahrungen und Zielen ernstgenommen und respektiert zu werden, und dabei ihr eigenes Lernen und Erleben selbst mit zu steuern. Deshalb müssen Einrichtungen wie Volkshochschulen und Museen Räume zur Kooperation mit Nutzer:innen öffnen. Wir an der vhs Aalen verstehen uns mittlerweile immer mehr als Lernbegleiterin und Möglichmacherin, und in diese Richtung wollen wir uns auch weiterentwickeln.

Es ist immer lohnend, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Du hast lange im angelsächsischen Raum gearbeitet. Sind dir dort Strukturen oder auch Konzepte begegnet, die du als zielführend für die notwendige Transformation im Kulturbereich sehen würdest? Die Besucherorientierung ist für mich zweifellos das zentrale Schlagwort, von dem sich alles andere ableiten lässt. Dass Museen und Kultureinrichtungen für die Menschen da sind, das wird im angelsächsischen Raum als selbstverständlich erachtet. Also beschäftigt man sich auch mit diesen Menschen: man macht etwa vernünftige Besucher- und Nicht-Besucherforschung, auf der dann die weitere Arbeit gründet. Diese Forschung leitet auch die Interpretation Departments, die für alle Vermittlungsangebote verantwortlich sind, wozu auch die Präsentation von Ausstellungen zählt. Auch das Audience Development hängt damit zusammen. Das ist viel mehr als die Erreichung „neuer Zielgruppen“. Beim Audience Development geht es um das Bewusstmachen von tatsächlichen und wahrgenommenen Barrieren, die die Menschen von der Teilhabe abhalten. Diese Ansätze machen den Schritt hin zu ko-produktiver Arbeit einfacher, und aus meiner Sicht führt nichts an diesem Schritt vorbei, wenn Museen und Kulturerbestätten weiterhin relevant sein wollen.

2 Replies to “Vielstimmigkeit und Third Space”

  1. Sehr wichtiger Schritt, auf die Erfahrungen im angloamerikanischen Raum zu verweisen. Wie im Blog geschildert, gäbe es dort viel „zu holen“ an Erfahrungen und Konzepten. Von professionellen – dort häufig, wie geschrieben – Interpretationskonzepten, über wegweisende Partizipationsansätze, bis hin zu schlicht kostenfreien Museen, in denen nur Sonderausstellungen, Rides, u. ä. bezahlt werden muss. Nicht umsonst hat sich vor etwas mehr als 10 Jahren ein inzwischen recht erfolgreicher europäischer Dachverband gegründet, Interpret Europe. Ein must-have-Buch aus meiner Sicht ist „Interpretive Design and the Dance of Experience“ von Steve Van Matre, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen. Natürlich, wenn hinter die Kulissen geschaut wird, gibt es, bspw. im Evaluationsbereich, auch dort noch viel zu tun. Aber grundsätzlich würde ich mir mehr Austausch in die geographische Richtung wünschen.
    Klasse, Beitrag, danke!

    1. Vielen Dank für die wertvollen Hinweise und die Buchempfehlung. Es lohnt sich in jedem Fall, wenn wir hier in Deutschland ein bisschen aufholen!

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