Zugangsfragen. In der Nähe gegenwärtiger Kunst. Ein Gastbeitrag von Kurator Michael Kröger


Kulturvermittlung / Freitag, Oktober 5th, 2018

Im Austausch über die Kunst und vor allem die Kunstvermittlung treffe ich immer wieder auf spannende Gesprächspartner und so hat sich ein E-Mail-Wechsel mit Michael Kröger als äußerst fruchtbar erwiesen. Ich habe ihn als Kurator am Marta Museum kennengelernt. Und jetzt freue mich über gelegentliche Gedankenanstöße via Mail. In einem spannenden Essay, den ich auf meinem Blog dankenswerter Weise als Gastbeitrag veröffentlichen darf, beleuchtet er die Frage des Zugangs zur Kunst.

“Kunst entfaltet sich im Auge des Betrachters – diese ebenso beliebte wie wenig aussagekräftige Floskel müsste heute so übersetzt werden: Jeder, der sich gegenwärtig Kunst nähert, tut dies auf seine Weise, öffnet oder schließt Zugänge zu etwas Unbestimmtem. Entsteht ein Werk erst durch die Distanz, die Betrachter zu diesem herstellen, erzeugt ein Zugang die Atmosphäre einer Nähe, so fern sie auch erscheinen mag – er verschränkt Momente von Einmaligkeit und Kreativität mit der Erfahrung von Exklusivität und deren Entwertung.

In der Gegenwartskunst stehen heute Fragen der ästhetischen Vermittlung und umgekehrt die häufig politisch instrumentalisierbare Vermittlung von Wahrnehmungsbrüchen und immer häufiger auch von Bewertungsaspekten im Mittelpunkt. Es geht dabei tendenziell nicht um die allgemeine Frage: Was verkörpert und wie vermittelt sich das Zeitgenössische in der Kunst? Sondern eher konkret um eine kunstpolitisch zurechenbare soziale Dimension, die mit dieser verbunden ist: Wer besitzt oder wer definiert exklusiven Zugang zur gegenwärtigen Bestimmung neuer Dimensionen von Kunst – und wer und wie werden dabei Einzelne, trotz aller erfolgreichen Vermittlungsarbeit, am Ende ausgeschlossen? Welche neuen Spielräume aber eben auch welche alten und immer noch aktiven Formen von Darstellungsmacht gerade derjenigen, die Kunst, ihre alten und neuartigen Funktionen definieren, verbergen sich durch derart spezifische Fragestellungen?

In der Frage nach den Zugängen von Kunst eröffnen sich weitere mögliche Welten – und damit auch gesteigerte Herausforderungen und Ansprüche an die (Vor-)einstellungen ihrer Betrachter: Kunst erwartet permanent eine geistesgegenwärtige Aufmerksamkeit und macht öffentlich, wie deren Werke und Ausdrucksweisen neue und das Bewusstsein fördernde Zugänge eröffnen – oder eben als interne (Betriebs-)geheimnisse nicht wahrnehmbar gemacht oder verschwiegen werden. Eigenständig erarbeitete Zugänge – besonders zu den überlieferten Mythen und Mysterien moderner Kunst – erweisen sich dabei immer mehr als freie Denkräume, als Optionen einer „denkenden Subjektivität“ (Theodor W. Adorno) , mit denen vor allem auch das Publikum in einen bewussteren Austausch mit einem Kunstgeschehen kommen kann.

Leben in der Artworld

Texte zur zeitgenössischen Kunst eröffnen Zugänge insofern sie ihre Leser*Innen von Moment zu Moment, nicht selten von einem Satz zum Nächsten reflektierend verändern. Welten, die eben vielleicht noch als sogenannte Kunstwerke anerkannt waren, sind jetzt als kritische Statements zur Gegenwart zu betrachten –  Werke sind in der Moderne zu grenzwertigen Hybriden zwischen Kunstansprüchen und Gesellschaftskritik geworden. In der Artworld von heute zählt ganz im Sinne älterer Traditionen bisher immer noch die Aufmerksamkeit für das exklusive Meisterwerk, die Anerkennung einflussreicher Kuratoren, Sammler und Vermittler sowie der Hype um alle Aktivitäten, die mit der Aktivierung des Publikums zu tun haben. Historisch notwendig und zeitgenössisch darstellbar wäre ein Werk, das nicht mehr die Mythen des Kunstbetriebs feiert und befeuert, sondern kritische Funktionen, erweiterte Anlässe und Optionen von Kunst zum Sprechen bringt– besonders dann, wenn die Ideale und Idealisierungen der alten Kunstmoderne (Genie, Kreativität, Zeitgenossenschaft, Exklusivität, Kritikalität von Kunst etc.) inzwischen deutlich relativiert wurden und so im gegenwärtigen Betriebssystem Kunst nicht mehr genügend leistungsfähig sind.

Nobilitierung und Banalisierung

So wie im 19. Jahrhundert die Fotografie nicht etwa die Malerei bedrohte, sondern den Bildcharakter von Bildern in Frage stellte und dabei das technisch-sprachliche Können in ein konzeptuelles Auswählen verwandelte, so transformiert der heutige Künstler seine reale Arbeit in ein strategisches Handeln von Moment zu Moment. Dabei entsteht heute eine permanente Umwertung der Werte bzw. eine permanente Entgegensetzung: eine Nobilitierung von Alltäglichem und der Banalisierung von industriell Vorproduziertem. Ein zeitlos idealer  u n d zeitbedingt aktiver Künstler ist ein Regisseur seiner historischen Möglichkeiten.  Als Trigger enthalten Möglichkeiten für die nächste Gegenwart immer mehr als jetzt vorstellbar ist: günstige Momente, glückliche Fügungen, passende Gelegenheiten, gelingende Zukunft, Zeiten der Verwandlung von fest gefrorenen Ideenmustern.

KünstlerInnen aber auch Kunstvermittler übertreiben fast immer, indem sie kreative Geheimnisse so weit wie möglich vereinfachen, ja banalisieren und so Anlässe konstruieren, die ihr Künstlersein und -handeln insoweit entwerten, dass sie , so unwahrscheinlich sie sein mögen, gerade eben noch im Kunstkontext Aufmerksamkeit erfahren. Sie produzieren eine künstlich hergestellte Nähe zur Kunst indem sie eine lebendige Distanz zum jeweiligen Werk kultivieren.

Zugang und Unendlichkeit – Offenbarung von Ambivalenzen

Die Medien zeitgenössisch arbeitender KünstlerInnen sind heute vor allem temporal definiert: als Möglichkeiten insofern diese jetzt ausgewählt aber selbst nicht restlos (aus-)genutzt werden. Ein Werk gelingt, indem es seiner historischen Situation antwortet, diese aber nicht mehr eindeutig zur Darstellung bringen kann. Gelingen heißt in diesem Kontext eine Nähe zum  Zugang anzudeuten, nicht aber diesen direkt darzustellen. So betrachtet ist die an sich paradoxe Idee eines Zugangs zur Kunst so etwas Ähnliches wie die – nicht minder paradoxe – kunstreligiöse Rede vom Unendlichen, die in der Kunsttheorie um 1800 üblich war.[i] In der heutigen exklusiv operierenden Kunst- und Konsumgesellschaft von heute entwickelt sich, so Wolfgang Ullrich,  gerade eine weitere zentrale Unterscheidung als Ambivalenz: zwischen der Willkür, genauer der Willkür der Preisgestaltung, die die Macht eines Kunstbesitzenden demonstriert und dem nicht-beliebigen Freiraum des eigenen Denkens, von dem ein Beobachter profitiert, um neue und vor allem subtilere Unterscheidungen als bisher in den aktuellen Theorieraum einzuführen.[ii]  Vielleicht liegt ein weiterer möglicher und veränderter Zugang zur Kunst auch darin die Idee ihrer durch Meisterwerke instrumentalisierten Form von Exklusivität anders zu definieren. In dem Moment, in dem man sich – sei es direkt im Netz oder vermittelt in einer Ausstellung – eine neue Form von Identität zusammenstellt, wird die Frage nach dem exklusiven Wert von Exklusivität und Luxus nachrangig. In den Sozialen Medien gilt Luxus heute als inklusiver Teil des Handelns.[iii] Man kultiviert seine momentane Aufmerksamkeit, wählt eine Seite einer Unterscheidung aus und entscheidet sich in diesem Moment wie es weiter geht  – oder doch für eine andere Version oder einen neuen Anfang. Das ist weniger als alles Mögliche also schon relativ viel.

Aufmerksamkeit erlangen KünstlerInnen immer dann, indem sie versuchen, ihr Publikum zu triggern – Kunst als Form gestalteter Irritation. Werke, die besonders gegenwärtig politische Tabus und soziale Schamgrenzen polemisch beleuchten und den allgemeinen Konsens durch ihre boshafte Form irritieren sind dabei gegenwärtig ebenso angesagt wie subtile Arbeiten, die auf einen politischen Kontext verweisen ohne diesen direkt anzusprechen. (Politische) Veränderungen verändern – häufig unmerklich – auch innere Einstellungen und fordern von ihren BetrachterInnen um so mehr eigene, selbstbewusstere Formen der Reaktion. Zugänge zu Werken zu finden kann bedeuten die eigenen unbewussten kognitiven Filter der Wahrnehmung zu formulieren.

Eine relevante Pointe heutiger als Kunst firmierender Ausdrucksformen könnte darin liegen, dass ihre Autoren die Zugänge zu diesen so sehr offen legen, dass das Publikum weder eine direkte Botschaft entziffern noch die Aktualität eines Werkes in einem bestimmten Kunstkontext angeben können. Die Strategie heutiger AutorInnen liegt also in der Offenbarung ihrer ambivalenten Position zwischen endlichen Werken und deren unendlichen Weiten. Der spezielle Freiraum, den Kunst bietet, offenbart dabei nicht die Freiheit, die der Begriff suggeriert. Wer hier, ob KünstlerIn, VermittlerIn oder BetrachterIn, aktiv wird, der wird lebenslang lernen (müssen) unter dem allgemeinen Optimierungszwang kreativ weiter zu arbeiten: “Wer in jenem Freiraum (der Kunst) hingegen nicht eigens etwas macht, wer ihn also offen – unvereinnahmt, von allem anderen getrennt – halten zu können, hat ihn letztlich auch nicht genützt.“[iv]  Ein Zugang zur Kunst verhält sich wie die Lebenszeit zur Leerstelle [v], durch die eine Gegenwart jeweils neu gegenwärtig gemacht wird. Ein Zugang zu einem Werk bleibt muss solange als exklusiv, geheimnisvoll, unausdeutbar und einzigartig gelten, wie die Fragen, die zu diesem geführt haben, nicht einfach verschwinden werden.

[i] Vgl. Wolfgang Ullrich, Kanzelrede zu Friedrich Schleiermacher (2018).

[ii]  ebda.

[iii] So der Designer Demna Gvasalia. In: SZ Magazin, 7. September 2018, S. 80 .

[iv] Wolfgang Ullrich, Was war Kunst. Ffm 2005, S. 143.

[v]  Michael Kröger, Die Leerstelle Lebenszeit. Eine sehr kurze Geschichte der Gegenwart.” Marta-Blog

 

 

 

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