Museen der Zukunft


Digitalisierung, Methoden, Transformation / Mittwoch, Januar 5th, 2022

Meiner Meinung nach kann es nicht genug Publikationen über zukunftsweisende
Methoden und Ansätze für die Arbeit in Museen geben. Es gibt so viel zu tun und die Handlungsfelder sind derart komplex, dass es kaum gelingen wird, alles erschöpfend zu behandeln. Und so ist auch das von Henning Mohr und Diana Modarressi-Tehrani herausgegebene Buch ein weiterer Fundus für Anregungen zu einem innovationsorientierten Kulturmanagement, das ich mit großer Begeisterung gelesen habe. Hier werde ich einige Beiträge herauspicken, die mich besonders inspiriert haben. Und ich bin sicher, es gibt für die unterschiedlichsten Interessenslagen genug Material auf den über 460 Seiten des im transcript Verlag erschienenen Buches. Ich kann es euch an dieser Stelle schon einmal uneingeschränkt empfehlen.

Was kann es besseres geben, als das neue Jahr mit einem Buch über die Zukunft zu beginnen? Ich habe mich zum Jahreswechsel mit „Museen der Zukunft. Trends und Herausforderungen eines innovationsorientierten Kulturmanagements“ beschäftigt. Die Publikation wurde von Henning Mohr, dem jetzigen Leiter des Instituts für Kulturpolitik und Diana Modaressi-Tehrani herausgegeben und verein Beiträge namhafter Vertreter*innen der Museums- und Kulturlandschaft (Vera Allmanritter, Andrea Geipel, Anna Greve, Franziska Mucha, Ivana Scharf, Dominika Szope, Jasmin Vogel – eine spitzen Frauenrunde, mit dabei u.a. auch Patrick S. Föhl, Armin Klein und Stephan Schwan).

„Die klassische Matrixorganisation mit ihren starken Hierarchien, der
festgelegten Abteilungs- oder Fachbereichslogik und den dafür definierten Rollen der Beschäftigten stößt im Kontext der dargestellten Innovationsdynamiken zunehmend an ihre Grenzen.“

In ihrem Vorwort beschreiben Mohr und Modaressi-Tehrani die Ausgangslage und machen deutlich, dass der vorliegende Band Kulturmanagement im Sinne eines „Wissensreservoirs“ versteht. Dabei stehen nicht nur die Trends und Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Thema Innovation im Vordergrund, sondern es wird auch eine Orientierungshilfe für die Museumspraxis gegeben. Eine schöne Mischung von Diskurs und Best Practice zieht sich durch die Texte.

Tendenzen eines innovationsorientierten Kulturmanagements im Museum

Es muss in diesen Zeiten natürlich auch über die Pandemie gesprochen werden. Und so beschäftigt sich der erste Beitrag im Buch auch mit den Folgen, die diese existenzielle Krise für den Kulturbereich hat und haben wird. Ivana Scharf und Michael Wimmer haben sich hier mit der Frustrationserfahrung und einem möglichen Legitimationsverlust kultureller Institutionen auseinandergesetzt. Eine Situation, die dazu führte, dass andere wichtige Themen in den Hintergrund gerieten. Die Autor*innen weisen hier unter anderem darauf hin, dass vor der Pandemie viele Museen erfolgreiche Programme mit Geflüchteten auf den Weg gebracht hätten. Man bekommt eine Ahnung davon, was zu der in vielen Einrichtungen zu spürenden Überforderung führt. Wichtig ist an dieser Stelle auch der Hinweis auf die wachsende Bedeutung der Vermittlung, die immer noch nicht den Stellenwert genießt, der ihr auch zukommen sollte. „Bislang ist es nur in Ausnahmefällen gelungen, die Gruppe der Vermittler*innen in die strategische Entscheidungsfindung einzubeziehen oder ihnen gar Führungsverantwortung zu übertragen“, schreiben Scharf/Wimmer. Ein Beitrag mit vielen Anknüpfungsmöglichkeiten zum Weiterdenken – auch im Hinblick auf kulturpolitische Forderungen, die sich daraus ergeben.

Selbstbezügliches System

Armin Klein ist als Grandseigneur des Kulturmanagements natürlich genau der Richtige, den Finger in die Wunde zu legen, wenn es darum geht, die Stolpersteine auf dem Weg zu mehr Innovationsbereitschaft der Museen zu finden. Er beschreibt mit einigen anekdotischen Erzählungen sehr lebensnah, wo der Hase im Pfeffer liegt. Und ja, man muss jetzt auch mal kritisch hingucken und Probleme benennen. Bei allem Verständnis und Forderung nach Ambidextrie. Sicher ist es gut, wenn man die bisherigen Strukturen und Erfahrungen, ja auch Routinen im Blick hat. Denn nur daraus erwächst auch Neues. Klein allerdings sehr deutlich, dass die Orientierung am Publikum aber auch die Problematik des ständigen Wachstums zwei wesentliche Stellschrauben sind, die für die Zukunft unbedingt noch nachgezogen werden müssen.

Jasmin Vogl und Daniel Neugebauer knüpfen an diese Gedanken an, indem sie darauf verweisen, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden werden müssen. Als Modell schlagen sie ein soziales Kraftwerk vor, als welches sie Kulturinstitutionen wie Museen verstehen wollen. Beuys lässt grüßen! Was sich hinter den verschiedenen Denkmodellen und Theorien verbirgt, die die beiden in ihrem Beitrag vorstellen, ist spannend aber auch extrem komplex. Ich muss den Text vielleicht noch einmal lesen – jetzt im Kontext all der anderen Gedankengänge war das zu viel für mein armes Hirn. Aber so soll es ja auch sein: es muss weitergedacht werden, wenn wir zu neuen Lösungen kommen möchten. Jasmin Vogel schafft derzeit mit dem Wittener Kulturforum eine spannende Laborsituation und ist zurecht als Kulturmanagerin des letzten Jahres ausgezeichnet worden.

Agilität, Design Thinking, Cultural Entrepreneurship

Das Museum als lernende Organisation zu betrachten, heißt auch, sich nach neuen Modellen außerhalb der Eigenlogik des Kulturbetriebs umzusehen. Dass die Begriffe Agilität, Design Thinking und Cultural Entrepreneurship mehr als nur Buzzwords sein können, darauf gehen Autor*innen wie Gesa Birnkraut, Judith Bauernfeind und Paul Beaury sowie Elmar D. Konrad ein. Hier lassen sich ein entsprechendes Handlungswissen herausziehen, mit dem die strategische Ausrichtung unterfüttert werden kann. Das Hinterfragen der eigenen Rolle und möglichst viele Feedbackschleifen mit dem Publikum sind dabei nur zwei Aspekte, die ich allerdings für die wichtigsten halte.

Outreach, Dritte Orte, Citizen Science und Postkolonialität

Kulturelle Teilhabe aller, wer unterschreibt dieses Konzept nicht? Was aber bedeutet dies im Sinne von Repräsentation verschiedener – auch marginalisierter Gruppen? Welche Gedanken muss sich wer machen, wenn wir die Forderung nach Kultureller Teilhaben und vor allem nach dem offenen Museum einlösen wollen. „Outreach funktioniert in jedem Museum“, sagt Ivana Scharf, die sich seit vielen Jahren mit den Gelingensbedingungen von entsprechenden Konzepten beschäftigt. Katharina Hoins weist in ihrem Beitrag zu dritten Orten darauf hin, dass vor allem die Haltungsfrage zu stellen ist, wenn man ernstgemeinte Partizipation möglich machen will. Sie sieht eine Verschiebung vom Museum als Ort der Wissensvermittlung zu einem Diskursort als eine Chance für die Besonderheit der Museen und ihrer Objekte.

Franziska Mucha und Kristin Oswald schreiben über das Konzept der Citizen Science und stellen unterschiedliche Formen in ihrem Beitrag vor. Sie betonen, dass es ein langfristiger Prozess der Partizipation ist, der sich auch auf die Struktur des gesamten Museums auswirkt.

Anna Greve stellt sich in ihrem Beitrag der Herausforderung, das emotional besetzte Thema der Postkolonialität im Museum anzugehen. „»Gut gemeint« kann oft danebengehen. Als Wissenschaftler*innen haben wir immer nur eine sehr eingeschränkte Weltsicht, die durch unsere persönliche Sozialisierung geprägt ist“ warnt sie. Deswegen brauche es eine kritische Weißseinsforschung, die die blinden Flecken identifiziert und zu strukturellen Veränderungen der Institution führen sollte. Als Direktorin des Focke-Museums ist sie eine der Museumspersönlichkeiten, die diesen Weg schon geht und ich bin gespannt, was wir aus Bremen noch erwarten können!

KI und VR/AR im Museum

Natürlich ist auch die Digitalisierung und vor allem Zukunftstechnologien wie KI und VR bzw. AR ein Thema im vorliegenden Band. Dominika Szope beschreibt die Möglichkeiten des Machine Learnings vor allem als Chance, was Kontexte und Querverbindungen angeht. Ich glaube ja, dass wir hier noch zu intelligenten Lösungen kommen werden, wenn in den Museen mehr Kompetenzen in dieser Hinsicht aufgebaut werden. Das Badische Landesmuseum geht mit gutem Beispiel voran und hat mit Sonja Thiel auch jemanden im Team, die sich explizit mit der KI beschäftigt. Die Idee eines wirklich intelligenten Chatbots treibt mich ja auch schon lange um. Leider ist das immer noch ein Ressourcen-Problem. Aber vielleicht entwickelt sich da in Zukunft noch mehr.

Andrea Geipel und ihr Kollege Georg Hohmann geben sehr praxisorientiert Einblicke in die Arbeit des VR Labs am Deutschen Museum. Auch hier besteht großes Potenzial, was die Kontextualisierung von Objekten im Sinne optimierter Vermittlung angeht. Unter den Bedingungen der Pandemie musste man sich allerdings neu aufstellen. Gut, wenn man hier flexibel ist und nicht nur an der Technik hängt. So kann es gelingen, Konzepte zu entwickeln, in welche die Erfahrungen aus VR- und AR-Anwendungen einfließen können.

Last but not least – das Museums-Publikum

Für mich waren vor allem die Beiträge von Vera Allmanritter sowie Peter Gerjets und Stephan Schwan sehr erhellend. (Letzteren durfte ich auf der Tagung zu den Lernwelten im StadtPalais Stuttgart unlängst interviewen.) Denn am Ende muss man natürlich bei den vielen Kulturmanagement-Thesen fragen: Für wen genau machen wir das alles. Vera Allmanritter beschreibt in ihrem Text die Nicht-Besucher*innenforschung und legt dar, welche Denkansätze hierfür zentral sind. Sie betont sehr deutlich, wie wichtig es ist, dafür aus dem Museum herauszugehen und neben der Marketing-Brille auch die Kulturelle-Teilhabe-Brille aufzusetzen.

Gerjets und Schwan beschreiben Motivation und Formen des informellen Lernens in Museen. Besonders interessant fand ich ihre Ausführungen zur Relevanz – ein Begriff, der in der letzten Zeit häufiger in die Diskussion um die gesellschaftliche Rolle der Museen eingeworfen wurde. Es geht darum, die Angebote des Museums so auszurichten, dass Bezüge zu den Erfahrungen und Werten der Besuchenden hergestellt werden. Erst wenn eine Anschlussfähigkeit an die Ziele des Publikums hergestellt werden kann, ist ein dauerhaftes Interesse zu erwarten. So einfach die Formel, so komplex ist es, dies mit entsprechenden Konzepten umzusetzen. Es erfordert meiner Meinung nach immer auch eine durchgreifende Prüfung der bisherigen Aufstellung.


„Insgesamt erlaubt es der Einbezug von aktuellen Modellen des Wissenserwerbs im Zusammenspiel mit kognitionspsychologischen Methoden, in Zukunft eine stärker empirisch fundierte, besuchendenorientierte Gestaltung von Ausstellungsangeboten zu realisieren und damit einen wichtigen Baustein zu einem innovationsorientierten Kulturmanagement zu liefern.“

Im Text von Gertjets und Schwan finden sich eine Reihe von Denkanstößen für eine Gesamtkonzeption von Präsentation und Vermittlung der Museumsinhalte. Die Forderung, mehr auf evidenzbasierte Forschung zu setzen, finde ich sehr schlüssig. Im Hinblick auf die strategische Ausrichtung für ein Museum der Zukunft sicher eine wichtige Handlungsempfehlung.

Das Buch „Museen der Zukunft“ ist ein wichtiger Reader für alle, die sich den neuen Herausforderungen stellen wollen, die der gesellschaftliche Wandel für die Kulturinstitutionen mit sich bringt. Eines ist allerdings jetzt schon klar: es wird ein langer Weg und ein nie endender Prozess. Aber wer sich dem stellt, ist für die Zukunft gewappnet.

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Die Publikation „Museen der Zukunft“ ist im transcript Verlag erschienen und kostet 39,00 Euro. Ich darf mich sehr beim Verlag für das Überlassen eines Rezensionsexemplars bedanken.

4 Replies to “Museen der Zukunft”

    1. Liebe Sabine,
      ich denke, man muss je nach Interessenslage sich da mal richtig einlesen. Und vor allem den vielen Anregungen Raum und Zeit geben.

      Viele Grüße und noch ein frohes neues Jahr dir
      Anke

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