Ich war am vergangenen Wochenende auf dem KI-Festival im Städel Museum und habe Gedanken über Kompetenzen, Verantwortung und die Rolle von Kulturinstitutionen im digitalen Wandel mitgebracht. Eine gute Idee, damit endlich einmal wieder einen Blogbeitrag zu meinem Lieblingsthema Digitalität im Kulturbereich zu schreiben.
Was bleibt eigentlich vom Menschen, wenn die KI weg ist? Diese Frage ploppte beim KI-Festival im Städel an mehreren Stellen auf und blieb mir besonders im Kopf. Denn sie dreht die übliche Debatte um. Statt immer nur zu fragen, was künstliche Intelligenz alles kann, sollten wir uns auch fragen, welche Fähigkeiten wir selbst erhalten und weiterentwickeln möchten. Wie schon Felix Stalder in der „Kultur der Digitalität“ konstatiert hatte, wird das Analoge durchaus aufgewertet in den Zeiten des Digitalen. Aber unbedingt in dem Sinne, das Beides nebeneinander existieren kann und man sich dessen bewusst ist. Für Kulturinstitutionen ist das eine zentrale Herausforderung. Museen, Theater und andere Kultureinrichtungen stehen schon ewig vor der Frage, wie sie neue Technologien sinnvoll einsetzen und zugleich ihre gesellschaftliche Rolle weiterzuentwickeln können. Dabei geht es nicht nur um effizientere Arbeitsprozesse oder ständig neue digitale Projekte. Es geht darum, wie wir Wissen vermitteln, Teilhabe ermöglichen, Vertrauen schaffen und Räume für gesellschaftliche Auseinandersetzung gestalten. Und so ist es auch während der anderthalb Tage im Städel immer auch schnell um die digitale Transformation (wir sind da längst noch nicht durch) gegangen.
Ich fand es super, dass das KI-Festival in einem der wichtigsten deutschen Kunstmuseen stattgefunden hat und für das große Thema unserer Zeit zahlreiche Denkanstöße geboten hat. Auf den diversen Podien gab sich die Riege der Autor:innen die Ehre, die man zu dem Thema gelesen haben sollte. Top für einen schnellen Überblick, denn ich hinke da durchaus auch hinterher. Ich habe mich übrigens insgeheim ein bisschen gefragt, wo die ganzen Digitalistas waren, die in den vergangenen 15 Jahren den Austausch geprägt haben. Wünschenswert wäre, wenn man an dem Thema dranbliebe und es insgesamt zum Diskurs innerhalb der Kulturbranche etablieren könnte. Um für mich auch nochmal festzuhalten, was ich aus den anderthalb Tagen mitgenommen habe, schreibe ich diesen Blogbeitrag und hoffe sehr, dass wir noch viele weitere Gelegenheiten zum Austausch haben werden.
Wie es sich für ein Festival gehört, gab es parallele Bühnen und auch in der Sammlung selber standen einige Projekte zum Praxistest zur Verfügung. Leider schafft man nicht alles. Aber ich habe es immerhin zum neuen Projekt vom Jüdischen Museum Frankfurt geschafft, das mir auch schon bei der Longlist des DigAMus Award ins Auge gestochen war. Dazu muss ich aber an anderer Stelle noch einmal mehr schreiben. Beim KI Festival bin ich dann ein bisschen hängen geblieben auf der Stage 1, wo es vor allem um den Meta-Diskurs ging. Was mich besonders beschäftigt hat, habe ich euch hier skizziert – auch und vor allem, was aus meiner Sicht für die strategische Entwicklung von Kulturinstitutionen relevant sein könnte.
Entscheidend ist, was wir draus machen
Der KI-Forscher Björn Ommer machte deutlich, dass Optimierung nicht dasselbe ist wie Innovation. Wenn wir KI lediglich einsetzen, um bestehende Prozesse schneller oder kostengünstiger zu machen, entsteht dadurch noch nicht automatisch etwas Neues. Auch darüber muss man nachdenken: Die negativen Folgen einer technologischen Transformation, stellen sich nahezu unvermeidbar sowieso ein. Positive Entwicklungen müssen wir dagegen aktiv gestalten. Diese Unterscheidung ist auch für Kulturinstitutionen wichtig. Natürlich kann KI bei der Recherche, der Texterstellung, der Erschließung von Sammlungen oder in administrativen Prozessen unterstützen. Doch die entscheidende Frage lautet: Welchen Mehrwert schaffen wir damit für unsere Institution, unsere Mitarbeitenden und unsere Besuchenden? Ein KI-generierter Ausstellungstext ist noch keine Innovation. Interessant wird es erst, wenn wir überlegen, wie sich durch neue Technologien andere Zugänge zu Sammlungen eröffnen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen oder Menschen stärker an kulturellen Prozessen beteiligen lassen. Dafür braucht es mehr als die Einführung einzelner Tools. Kulturinstitutionen benötigen eine Vorstellung davon, welche Ziele sie mit KI verfolgen, welche Kompetenzen sie aufbauen möchten und welche Werte ihre Entscheidungen leiten.

Urteilskraft wird zur Schlüsselkompetenz
Am zweiten Festivaltag rückten Bildung, Wissen und menschliche Urteilskraft stärker in den Mittelpunkt. Für mich war die Paneldiskussion mit Chantal Eschenfelder, Stephanie Moser und Jochen Kuhn besonders interessant, da ich Kulturelle Bildung sowieso für die Stellschraube in diesem ganzen Diskurs um die KI halte. Bevor es losging, veranschaulichte der gut aufgelegte Moderator Michel Abdollahi anhand eines Vergleichs mit einem St. Pauli-Spiel, wie sehr unsere Erwartungen beeinflussen, welche Informationen wir glauben und welche wir hinterfragen. Man wäre doch sofort dabei, einen Sieg des Vereins mit 10 zu 0 zu glauben, wohingegen man anders rum anfangen würde zu hinterfragen und genauer zu recherchieren. Gerade im Umgang mit KI ist diese Fähigkeit zur Einordnung so entscheidend, das wurde auch in der anschließenden Diskussion völlig klar. Die Technologie kann in Sekundenschnelle überzeugend formulierte Antworten liefern. Doch ein plausibles Ergebnis ist nicht automatisch ein richtiges Ergebnis. Und wer sich ausschließlich auf die Antwort konzentriert, überspringt möglicherweise den Prozess, in dem Wissen überhaupt erst entsteht. Beim Lernen mit KI besteht deshalb die Gefahr, dass wir uns zu sehr auf das fertige Produkt verlassen. Copy, Paste, fertig. Aber was passiert mit unserem Wissen, wenn wir uns keine Zeit mehr nehmen, Zusammenhänge zu verstehen und eigene Fragen zu entwickeln? Für Museen liegt hier eine große Chance. Sie sind nicht nur Orte, an denen Wissen bereitgestellt wird. Sie können Menschen dabei unterstützen, Objekte und Informationen in Beziehung zu setzen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und eigene Urteile zu entwickeln. Gerade in einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar sind, gewinnt diese Aufgabe an Bedeutung. Es reicht nicht mehr, möglichst viel Wissen zugänglich zu machen. Entscheidend ist, wie wir Menschen dabei begleiten, dieses Wissen einzuordnen und für sich nutzbar zu machen. Das betrifft auch die interne Entwicklung von Kulturinstitutionen. Mitarbeitende brauchen Möglichkeiten, KI auszuprobieren, ihre Grenzen kennenzulernen und eigene Kompetenzen aufzubauen. Wenn neue Technologien lediglich eingeführt werden, ohne Raum für Lernen und Reflexion zu schaffen, entstehen schnell neue Abhängigkeiten. KI-Kompetenz bedeutet deshalb nicht nur, gute Prompts schreiben zu können. Sie bedeutet auch, Ergebnisse kritisch zu bewerten und selbst entscheiden zu können, wann der Einsatz sinnvoll ist.
Verantwortung lässt sich nicht komplett an die Nutzerinnen und Nutzer delegieren
Interessant fand ich auch das Panel „Trust Issues? Über den verantwortungsvollen Einsatz von KI“ mit Constanze Kurz, Gitta Kutyniok, Ingo Dachwitz und Nora Al-Badri. Die Diskussion machte deutlich, dass wir beim Einsatz von KI nicht nur auf die sichtbaren Ergebnisse schauen dürfen. Hinter den Anwendungen stehen Trainingsdaten, Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche Interessen und technische Infrastrukturen. Wer ist in den Daten repräsentiert – und wer nicht? Welche Perspektiven fehlen? Unter welchen Bedingungen werden die Systeme entwickelt? Und welche ökologischen Kosten entstehen? Ein Beispiel war die Arbeit von Menschen in Nairobi, die belastende Inhalte labeln mussten, damit KI-Modelle sicherer werden. Solche Arbeitsbedingungen bleiben hinter der scheinbar mühelosen Oberfläche der Technologie häufig unsichtbar. Auch die Frage nach der Verantwortung wurde kontrovers diskutiert. Gitta Kutyniok schlug eine Art Kennzeichnung vor, die informierte Entscheidungen über KI-Produkte erleichtern könnte. Ingo Dachwitz betonte dagegen, dass Medienkompetenz allein nicht ausreiche. Es brauche auch Regulierung und eine Begrenzung der Macht großer Konzerne. Für Kulturinstitutionen bedeutet das: Ein verantwortungsvoller KI-Einsatz darf sich nicht darauf beschränken, Mitarbeitende zu schulen und ihnen anschließend die Entscheidung zu überlassen. Es braucht institutionelle Rahmenbedingungen. Dazu gehören beispielsweise klare Zuständigkeiten, transparente Kriterien für die Auswahl von Anwendungen, der Umgang mit sensiblen Daten und die Frage, wann KI-generierte Inhalte gekennzeichnet werden sollten. Ebenso wichtig ist es, Mitarbeitende und unterschiedliche Perspektiven frühzeitig in die Entwicklung einzubeziehen. Nicht jede Einrichtung muss dafür sofort eine umfassende KI-Strategie erarbeiten. Aber jede Institution sollte sich darüber verständigen, welche Grundsätze ihren Umgang mit der Technologie leiten. Unsere Verantwortung beginnt dort, wo wir KI nicht nur als praktisches Werkzeug betrachten, sondern auch ihre gesellschaftlichen und institutionellen Auswirkungen berücksichtigen.
Kulturinstitutionen können in Zeiten der Digitalität Räume für echte Begegnung schaffen
Ja, es wurde bisweilen doch auch eine Diskussion geführt auf diesem KI-Festival, die sehr oft die dystopischen Szenarien in den Fokus nahm. Ab und zu schien eine hitzige Debatte durchzuscheinen, der man vielleicht noch ein bisschen mehr Raum hätte geben sollen. Aber wie so oft nimmt man viele kleine Gedanken mit nach Hause, mit denen man dann eigentlich weiterarbeiten muss. Eine finale Lösung bzw. Gebrauchsanleitung für den Umgang mit KI hatte sich sowieso niemand erhofft von dieser Veranstaltung. Mir hat es übrigens gefallen, dass das KI-Festival interdisziplinär aufgestellt war und nicht nur die Museumsbubble im Fokus hatte. Schön, dass auch der Kölner Intendant Kay Voges mit seinem Blick auf das Theater dabei war. Er versteht es als Ort, an dem Gegenwart verhandelt wird, neue Technologien aufgegriffen werden, mit ihnen experimentiert wird und zugleich ihre Auswirkungen kritisch untersuchen werden sollten. Voges sagt, dass er nicht zurück in die Steinzeit will (ist ja auch mal eine Aussage!!!) und ist ja auch der Zampano des digitalen Theaters. Ihn interessiert, was die neue Technologie kann und wie sich damit arbeiten lässt. Gleichzeitig stellte er eine wichtige Frage: Wie sollen wir Widerstand (im Sinne evtl. von einer eigenen Haltung zu dem Ganzen) entwickeln, wenn wir überhaupt nicht verstehen, was passiert?
Darin liegt für mich eine zentrale Aufgabe der Kultur. Sie muss sich nicht zwischen Technikbegeisterung und Technikablehnung entscheiden. Sie kann Räume schaffen, in denen wir neue Entwicklungen erproben, hinterfragen und gemeinsam darüber nachdenken, welche Zukunft wir wollen. Was bedeutet das für Museen und andere Kultureinrichtungen? Vielleicht wird ihre Bedeutung als physische Begegnungsorte gerade dadurch größer. Orte, an denen Menschen gemeinsam etwas erleben, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und sich mit Themen auseinandersetzen können. Wichtig ist aber auch, dass man sich nicht nur darauf beschränkt, sondern auch eine Verantwortung für den digitalen Raum übernimmt, sich dort mit den wichtigen Fragen der Gesellschaft auseinandersetzt und selbstbewusst für seine Themen, seine Haltung einsteht. Denn ihr wisst ja: Das Internet geht nicht mehr weg. Und ein Großteil der Menschheit hält sich dort auf, wo es keine räumlichen und zeitlichen Grenzen gibt.
Nach zwei Tagen voller Diskussionen habe ich nicht das Gefühl, dass sich die großen Fragen zur künstlichen Intelligenz einfach beantworten lassen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Wir müssen nicht sofort wissen, wie die Zukunft aussehen wird. Für Kulturinstitutionen sehe ich dabei vor allem die Aufgabe, eine eigene Haltung zum Einsatz von KI entwickeln, Kompetenzen und Experimentierräume zu schaffen und die gesellschaftliche Rolle der Institution im digitalen Wandel weiterzudenken. Gerade darin liegt die besondere Stärke von Kulturinstitutionen: Sie können Menschen dabei unterstützen, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu erkennen und eigene Positionen zu entwickeln.
